Christof Stählin: Privatlieder und ihre Verwandten. Das Frühwerk 1960 – 1974. https://www.christof-staehlin-gesellschaft.de (D Liedermacherei)(GH) 5 FM Sterne *****

In den letzten Jahren vor seinem viel zu frühen Tod (2015) hat Christof Stählin immer wieder erzählt, welche Mühe es machte, die Rechte für seine allererste LP zurückzuholen –

und es ist ihm dann nicht mehr gelungen. Die Fangemeinde hat weiter gehofft, und energische Nachlassverwalter haben es geschafft: Die „Privatlieder“ von 1972 sind nun als CD zu erhalten. Und nicht nur das … der CD liegt ein dickes Buch bei, oder umgekehrt, mit allen Texten, mit vielen Bildern aus frühen Zeiten, Waldeckfestivals und so, und das Buch enthält noch eine zweite CD.

Der Titel des Buches sagt alles: „Privatlieder und ihre Verwandten. Das Frühwerk 1960 – 1974“ – wir können also noch eine Menge anderer Lieder hören, die aus Archiven zusammengesucht worden sind, viele sind vor Publikum aufgenommen, manche werden selbst den ältesten Stählinfans neu sein,

andere erwecken Erinnerungen, ach! „Makaber macht lustig“ mit seinen vielen Degenhardt-Anspielungen, lange nicht gehört, fast vergessen – indes, die „Verwandten“ können wir im FM noch mal gesondert vorstellen.

Erst mal die Privatlieder, Stichwörter gefällig? „Mein Gott, was haben wir alles gelernt und nicht verlernt“, ewig aktuell, leider, es zeigt, dass sich seit den 70er Jahren doch nicht so viel geändert hat, wie wir uns in optimistischen Augenblicken einbilden.

Der Restoptimismus verfliegt bei dem beklemmend aktuellen „Die Leutnants“. Oder „Der Fliegenpilz“, mit dem legendären Reim „Das Haschischkraut lasst lieber stahn in Türkien und Afghanistan“, denn … ach, hört selbst. Oder „Ein Skelett liebt ein Skelett“, tja, gar nicht so einfach, wie Christof Stählin überzeugend erklärt.

Und die Rezensentin schwört, niemandem sonst sind jemals Alltagsbeobachtungen gelungen wie „Da kommt gerade Gott auf dem Bürgersteig vorüber und sagt, er käme eben aus Frankreich vorbei, doch in Frankreich, sagt er, ging’s drunter und drüber, und daß es dort gar nicht mehr gemütlich sei. Lacht grimmig und zeigt sein goldenes Gebiß: ‚Alors, je m’en fous! Je m’en vais en Suisse!“

Christof Stählin: Privatlieder und ihre Verwandten. Das Frühwerk 1960 – 1974. 35,–, Bezug über https://www.christof-staehlin-gesellschaft.de/  (GH)

 

Wichtiges Buch

 

„Sexismus in der Musikindustrie“ ist der Untertitel dieses Buches, das wir der Kulturwissenschaftlerin Sonja Eismann verdanken. Musikindustrie, geht uns das in der Folkszene was an, ist da ein naheliegender Gedanke. Doch auch wenn in der Folkszene alles kleiner und überschaubarer ist als beispielsweise in der Umgebung von Rammstein (die natürlich ausgiebig untersucht wird), ist Sexismus ja nichts Fremdes – Übergewicht von Männern in allen Bereichen, sexistische Lieder, die als witzig ausgegeben werden, bestimmte hochangesehene Liedermacher (lange vor Konstantin Wecker) und Musiker, die als Grabscher bekannt sind und vor denen sich die Festivalbesucherinnen gegenseitig warnen, das alles kennen wir leider zur Genüge. Und die Autorin zieht auch immer wieder Beispiele aus der Folk- und Liedermacherszene heran, gleich anfangs geht es um die Chansonszene, oft kommt die Liedermacherin Christiane Rösinger zu Wort, und wir begegnen Johnny Cash, Harry Belafonte und dem Kingston Trio. Genau, das Kingston Trio, diese freundlichen, immer adrett gekleideten Burschen, die mit „Tom Dooley“ einen unsterblichen Hit gelandet haben. Tom Dooley soll uns leidtun, weil er aufgehängt wird, heißt es da. Dass er Laurie Foster erstochen hat, spielt keine so große Rolle, sie braucht uns offenbar nicht leidzutun … Dass das Kingston Trio sich eine Version des Liedes ausgesucht hat, bei der wir nicht erfahren, was ihn zu dieser Tat getrieben hat, wird im Buch nicht problematisiert, was schade ist, vergebene Pointe sozusagen – Laurie Foster wollte nicht mit ihm durchbrennen (eine wunderbare Version gibt es von Sweeney’s Men), was soll der enttäuschte Mann da machen? Solche Beispiele gibt es aus vielen Musiksparten, dazu kommt die männliche Ausrichtung der Szene – Produzenten, Agenten, Musiker, Journalisten, Rundfunkleute (die, wir hier belegt wird, durchaus untersagen, zwei Stücke von Sängerinnen hintereinander zu spielen, so viel Weiblichkeit darf man dem Publikum nicht zumuten). Keine aufmunternde Lektüre, aber wichtig, und zwischendurch gibt es trotz allem mal ein Lichtfünkchen und die Versicherung, dass es nicht immer so bleiben muss. Sonja Eismann: Candy Girls. Sexismus in der Musikindustrie, Edition Nautilus, 197 S., 20,– www.edition-nautilus.de (GH)