Nach vielen Jahren haben wir unseren Sommerurlaub mal wieder in Schweden verbracht. Wir haben mehrere Musikveranstaltungen besucht. Und bei einer habe ich eine interessante Beobachtung gemacht.
Zunächst hatten wir das Korrö-Festival im Süden von Småland besucht. Anschließend sind wir zu unserer Ferienwohnung weitergefahren. Die lag etwa 20 km nördlich der Stadt Ljungby, östlich des Sees Bolmen, also ziemlich im Westen der Provinz Småland.
Im Vorfeld hatte ich einen Deutschstämmigen (Wolfgang) ausfindig gemacht, der schon lange in Ljunby wohnt. Er trifft sich dort regelmäßig mit anderen Leuten zum gemeinsamen Musizieren. Wir hatten verabredet, dass wir uns bei einer gut erreichbaren Stämma treffen wollten.
Dieses Treffen fand in Unnaryd statt. Das liegt westlich des Bolmen-Sees und ist bereits Teil der Provinz Halland. Wolfgang war dort mit mehreren seiner Spielkameraden erschienen. Sie ließen es freundlicherweise zu, dass ich bei den mir bekannten Stück auf der Geige mitspielte. In dieser kleinen Truppe waren mehrere Geigen, ein Akkordeon, ein Kontrabass und eine Gitarre vertreten. Viele der Stücke, die wir spielten, gehörten zum „Standardrepertoire“ des småländischen Spielmannsverbund.
Zu meiner Überraschung unterschied sich zunächst unser Line-Up deutlich von dem der meisten anderen (wohl halländischen) Gruppen. Dort dominierten die Akkordeons; Geigen waren in der Minderheit. Auch das Repertoire war ein anderes als das, was wir, Wolfgang und seine Spielkameraden gewohnt waren.
Ich bin seit vielen Jahren Mitglied im Småländischen Spielmannsverbund, habe dort zahlreiche Workshops besucht und traue mir deshalb zu, das zu beurteilen.
Die beiden Orte Ljungy und Unnary liegen – Luftlinie- keine 30 km voneinander entfernt. Der Bolmen-See ist kein wirkliches Hindernis. Im Süden kann man ihn gut umrunden und in der Mitte ist die große Insel im See im Osten mit einer Brücke und im Westen mit einer regelmäßigen Fähre angebunden. Und trotzdem hatte ich den Eindruck, dass zwischen diesen beiden Orten – musikalisch betrachtet –Welten lagen. In Unnary spielten sie vermutlich die gleichen Stücke wie in anderen halländischen Orte, die vielleicht 50 oder mehr km entfernt liegen. Und meine smålndischen Freunde favorisierten die gleichen Stücke, wie sie an anderen småländischen Orten gespielt werden, die vielleicht 60, 80 oder mehr km entfernt liegen. Die räumliche Nähe führte hier nicht unbedingt zu einer musikalischen Nähe.
Ich habe da eine Vermutung. Die Spielleute in Schweden organisieren sich nach Provinzen. Durch gemeinsame Kurse und Workshops, spezielle Notensammlungen, eine eigene Mitgliederzeitschrift etc. kommt es dazu, dass sich das Repertoire innerhalb eines solchen Spielmannsverbundes angleicht, unabhängig davon, ob die Musiker nah beieinander wohnen oder nicht. Musiker und Musikgruppen, die gar nicht so weit voneinander entfernt wohnen, aber unterschiedlichen Provinzen angehören, bauen dadurch ein deutlich unterschiedliches Repertoire auf. Kleinräumige Ähnlichkeiten und Übergangsbereiche, die es früher durchaus gab, verschwinden dadurch immer mehr.
Das mag etwas pauschal klingen. Ich habe es aber bewusst als eine Vermutung formuliert. Über die Spielmannsmusik in Mittel und Nordschweden (in den entsprechenden Provinzen) kann ich nicht aus eigener Erfahrung sprechen. In den flächenmäßig großen Provinzen und den entsprechend großen Distanzen zwischen den einzelnen Spielgruppen wird es regionale Unterschiede vermutlich auch innerhalb der Spielmannsverbünde geben. Vielleicht trifft meine Beobachtung ja nur auf die Provinzen im Süden von Schweden zu. Sie hat mich trotzdem überrascht.
Peter Wachner (10/2026)
