Karsten Krampitz: 1976. Die DDR in der Krise. Dietz Verlag, 163 S., 18,–, https://dietzberlin.de/ (Wichtiges Buch) (GH)

Der Historiker Karsten Krampitz hat bereits in der Edition Nautilus einen dokumentarischen Roman über eine Schwerstbehinderten-WG in der DDR herausgebracht, in dem Musik eine große Rolle spielt, und den wir im FM sträflicherweise noch immer nicht vorgestellt haben („Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ heißt das Werk).

Aber erst mal weisen wir nun auf sein neuestes Buch hin, das ist wirklich rein dokumentarisch und heißt „1965. Die DDR in der Krise“.

Woran erinnern sich die meisten, wenn es um 1976 und die DDR geht? An die Ausbürgerung von Wolf Biermann, klar. Die spielt im Buch folglich eine große Rolle, aber es gab eben noch sehr viel mehr.

Der Pastor Brüsewitz verbrannte sich, ein einziges Mal bezahlte die DDR der Familie eines an der innerdeutschen Grenze Erschossenen eine Entschädigungssumme, Schriftsteller in Berlin wollten gemeinsam ein Buch herausbringen, aber die Stasi fand die Idee gar nicht gut, für einen Moment schien der Eurokommunismus Chancen zu haben, und eigentlich und ganz vielleicht war 1976 der letzte Zeitpunkt, wo in der DDR eine positive Entwicklung möglich gewesen wäre, die nicht in den Untergang dieses Staates geführt hätte.

Das ist an sich fesselnd genug – dazu kommt aber ganz viel Musik. Biermann wurde schon erwähnt, Bettina Wegner war damals wichtig, wir lesen über die Renft-Kombo und Ute Freudenberg.

Wir lesen, welcher bürokratische Vorgang zu bewältigen war, wenn man in der DDR den Beruf des Schlagersängers ergreifen wollte, und was es mit Bluesern, Trampern und Kunden auf sich hatte.

Kurzum, ungeheuer informativ und wichtig, und weil Karsten Krampitz ein verdammt guter Erzähler ist, auch wirklich spannend und unterhaltsam zu lesen.

Karsten Krampitz: 1976. Die DDR in der Krise. Dietz Verlag, 163 S., 18,–, https://dietzberlin.de/ (GH)